Familie Spath
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D'Speckpauline

(09.11.1884 - 28.01.1964)

Andreas Volk, Oberbiederbach

Jedem älteren Biederbacher ist sie noch gut in Erinnerung, die schlaue, originelle und „umfangreiche" Handelsfrau Pauline Spath; in aller Munde bekannt mit dem Namen „Roßrainpauline". Auch fast alle Freiburger Hausfrauen kannten sie mit dem Namen
„D' Speckpauline". Hatte sie doch jeden Samstag auf dem Münsterplatz in Freiburg ihren Verkaufsstand aufgeschlagen und versorgte die Freiburger Küchen mit allerei schmackhaften Dingen : Butter, Eier, Geflügel, Beeren, Wurst, Schwarzwälder Speck u.a.m.

 

Diese Handelsart ist ja wohl nichts Besonderes, aber sie ist in der Familie Spath schon Tradition geworden in dritter Generation. Die Familie Spath ist mitten in der Gemeinde Biederbach beheimatet, am sog. „Roßrain", einer steilen Anhöhe an der Landstraße. Die Mannsleute betrieben bis in die 30er Jahre eine Fuhrhalterei. Der jetzige Besitzer, ein Enkel der „Speckpauline" hat vor etwa zwei Jahren dort eine gutgehende und rationell eingerichtete Metzgerei eröffnet.

 

Der „Molerfronz", ein Elzacher Zeitgenosse der Pauline und auch ein Original, sagte damals: Wenn er am Roßrain vorbei geht, macht er jedesmal einen zünftigen Sprung, er habe gewaltig Angst, der Roßrain könne einmal am Rain herunterrutschen und würde ihn begraben. Aber der Roßrain steht heute noch, besser denn je, und unser Molerfronz ist schon längst ins Grab gesungen.

 

Also die Pauline war ein Original von Gottes Gnaden; geschäftstüchtig, schlau und immer „mundfertig", bei schwierigen Situationen auch „handfertig". Sie erhielt aus dem Volksmund den Namen „Speckpauline" wahrscheinlich weniger weil sie mit Speck handelte, sondern viel mehr wegen ihrem eigenen zünftigen Körperumfang.

 

Jeden Samstagmorgen früh mußte sie ihr Fuhrknecht, mit Pferd und Bennewägele, schwer beladen zum Bahnhof Elzach fahren, von wo aus sie mit dem ersten Frühzug nach Freiburg fuhr. Heute mit Mercedes geht dies natürlich viel einfacher. Da Pauline regelmäßig jeden Samstag mit dem gleichen Zug fahren wollte, kam sie nie zu spät auf den Zug. Mit anderen Worten: Bevor die Pauline nicht da war, war der Zug nie abfahrbereit. Der Schaffner hatte immer noch dies oder jenes in Ordnung zu bringen. Als sie dann endlich angefahren kam und wurde, wegen ihrer Verspätung, vom Schaffner geschumpfen, gab sie ihm zur Antwort: „Halt Gosche (Mund), gong ins Jägerhus „Bahnhofswirtschaft) und suff zwei Glas Bier, i‘ zahl's, wenn i' kumm!"

 

Eines Samstags hatte sie einen Sack voll Geflügel mitgenommen für den Suppentopf und die Bratpfanne der Freiburger Hausfrauen; „Frieburger Poppili" wie Pauline sie nannte. Geflügel im Sack transportieren war ja damals schon verboten. Aber die meisten kannten ja „D‘ Speckpauline" und drückten gern ein Auge zu. Aber diesmal sah sie am Bahnsteig den Schutzmann stehen, den sie als besonders strenges „Auge des Gesetzes" kannte; aber sogleich kam ihr schon ein rettender Gedanke in den Sinn. Sie wußte nämlich, dass derselbe Witwer war und unsere Pauline war auch „noch zu haben". Sie winkte ihn beiseite mit dem Hinweis, in wichtiger Sache mit ihm etwas zu besprechen. Er folgte ihr und Pauline sagte zu ihm, nachdem sie etwas abseits getreten waren: „Ich habe gehört, Sie wollen noch einmal heiraten. Wie wäre eigentlich die Sache? Ich selber hätte Lust dazu" usw. Der Schutzmann hat sie natürlich angefaucht und erwidert: „Sie altes Luder, was fällit Ihnen denn ein, so eine Frechheit, so eine Unverschämtheit" und dergleichen mehr. Pauline entfernt sich wieder befriedigt von ihm; sie hatte ja mit ihrem originellen Einfall ihr Ziel erreicht. Ihre Transportgehilfin konnte inzwischen mit dem Geflügelsack ungehindert die Bahnsperre passieren und die „Frieburger Poppili" erhielten ihre Suppenhühner. Vielleicht hat jener Schutzmann auch noch eines davon verspeist ?

 

Zur Zeit der Notjahre des ersten Weltkrieges sollte sie einmal von einem Schutzmann kontrolliert werden, in der Vermutung, dass sie Schwarzhandel treibe. Pauline sagte zu ihm: „Komm, geh mit in die Allee, doch nit mitte in dene viele Lütt". er folgte ihr. Als er dann kontrollieren wollte, was sie unter ihrem weiten Rock versteckt habe, schrie sie mit ihrer groben „Männerstimme" laut um Hilfe, dass sie von einem vergewaltigt werde. Der Schutzmann war bestürzt und zog beschämt von dannen.

 

In den gleichen Jahren sollten ihr ebenfalls auf dem Freiburger Markt die feilgebotenen Eier beschlagnahmt werden. Sie wehrte sich dagegen und schleuderte der Hand des Gesetzes gleich eine reichliche Ladung unsanfter Ausdrücke ins Gesicht, an denen sie nie verlegen war. Für ihr loses und beißendes Maul wurde sie gleich mit fünf Mark Ordnungsstrafe belegt, wegen Beamtenbeleidigung. Diese bezahlte sie prompt; aber jetzt erst blätterte sie mit ihren Schimpfworten drauf los und bemerkte: „I han ja fünf Mark zahlt, d‘ für derf i'schwätze, un die Eier kriegt er nit". Sie nahm ein Ei nach dem andern aus ihrem Korb und warf diese blitzschnell, wie Handgranaten, ihrem Gegner auf den Rücken, so dass die goldgelbe Soße, unter dem Gelächter des ganzen Marktes, über den Mantel des Herrn auf die Straße tropfte, bis der Korb leer war. Natürlich hat sie dann erst recht einen Strafzettel bekommen für ihre „Heldentat". Aber dies kümmerte sie wenig und sie sagte: „Schtrofzettel han i‘ viel daheim, s'kunnt uff einer nimme o‘, i‘ könnt mit Stube tapiziere".

 

Was würde sie erst heute sagen und tun, wen sie die heutigen Geschichten und Vorschriften des Landbutterverkaufes mitmachen und durchleben müßte?

 

Trotz ihren derben, urwüchsigen Humors - ja vielleicht auch gerade deswegen - war sie überall eine gern gesehene und geschätzte Handelsfrau und hatte ein gutgehendes Geschäft. Auch ihren Familienangehörigen und Hausgenossen war sie eine gute Hausmutter. Ihre Untergebenen durften bei ihr keineswegs Hunger leiden. Sie besaß ein Herz, wie Gott es ihr gegeben. Für sie und auch für den kurz erwähnten „Molerfronz" gilt das Wort unseres Volksschriftstellers Heinrich Hansjakob, das er 1888 im Vorwort zu „Wilde Kirschen" schrieb:

 

„Jeder Mensch ist ein Original von Gottes Hand. Je mehr er kultiviert und gebildet wird, umso stärker verblaßt die Originalität. Je blasierter und unnatürlicher diese Bildung, umso schneller geht es mit dem Original zu Ende. Darum muß man die Originale dort suchen, wo die moderne Bildung noch nicht daheim ist, in jenem großen Meer der Menschheit, das wir Volk nennen. Da schwimmen sie noch umher. Wer sie fangen will, diese Originale, hat aber Eile, denn bereits dringt das Süßwasser der heutigen Kultur in alle Schichten des heutigen Volkslebens; die Originale sind am Aussterben".

 

Ja, und heute sind diese Originale bereits ausgestorben; darum ist es auch nützlich und gut, wenn von den noch lebenden Zeitgenossen dieser Originale diese durch die Schrift der heutigen jungen und nachfolgenden Generation in Erinnerung erhalten bleiben.